Karkeln

Erinnerungen an unseren ehemaligen Bürgermeister M. Mainus in Karkeln.

Unser letzter Bürgermeister
karkeln.gifwar sehr lange auf diesem Gebiet tätig. Alle wichtigen Ämter in der Gemeinde hat er verwaltet, z.B. die Raiff-eisenkasse und das Standesamt, was er alles perfekt beherrschte. Außerdem hatte er immer ein Ohr für seine Dorfbewohner und wusste auch über die Entstehung des Dorfes und seinen Namen gut bescheid. Da ich als Kind großes Interesse für die Arbeit im Gemeindebüro hatte, konnte ich nach meiner Schulentlassung als Bürolehrling dort anfangen. Es war zu Beginn des 2. Weltkrieges und dem Bürgermeister wurden viele neue Aufgaben zugeteilt. Mir fiel es damals als junges Mädchen schon auf, dass er mit vielen Sachen, die von den Nazis festgelegt wurden, nicht einverstanden war. Aber wie es den meisten Deutschen ging, nicht ignorieren konnte.
Er war kein Freund von Hitler und seiner Clique. Oft tauchten irgendwelche Männer in Parteiuniform auf, die nur geheim mit ihm verhandeln wollten, wo ich und seine Tochter Lenchen, die auch im Büro mitgearbeitet hat, nicht dabei sein durften.Ich kann mich gut daran erinnern, dass er danach immer sehr ärgerlich war, weil es für das Dorf wieder kriegsbedingte Gesetze gab, wie z.B. Ablieferungs-bedingungen für die Bauern. Da meine Eltern selbst einen Bauernhof hatten, traf es sie auch immer. So einige Sachen sind mir noch gut in Erinnerung, weil sie mit Gefahren verbunden waren. Die Bauern mussten sämtliche Milch abliefern, es durfte zu Hause keine Butter gemacht werden, die wurde von der Molkerei zugeteilt. Strafen wurden angedroht. Ich fand es ganz toll, als Herr Mainus mir den Tipp gab, meine Mutter zu warnen, es kommt eine Kontrolle, wo Teile der Milchzentrifuge eingesammelt werden, damit sie unbrauchbar ist. Er sagte wörtlich zu mir: ihr habt doch bestimmt noch ein altes kaputtes Gerät, da gebt ihr Teile ab, das fällt doch gar nicht auf. Es verlief alles nach Plan und die Milch wurde weiter verarbeitet und Butter gemacht. Man könnte heute noch darüber lachen, wie erfinderisch man damals war, weil die Angst vor Verrätern groß war. Ich musste immer am Abend während der Arbeit mit der Zentrifuge im Flur sitzen und auf meinem Akkordeon laut spielen, damit die Zentrifugengeräusche nicht nach außen drangen. Ein weiterer Tipp kam von Herrn M. nach dem Besuch einer Nazi-Abordnung. Es traf alle Bauern, die eine eigene elektr. Kornmühle hatten, um selbst Mehl herzustellen, was streng verboten war, weil alles Getreide abgeliefert werden musste. Es wurde mit schweren Gefängnisstrafen, sogar mit KZ-Strafen gedroht. Die Mühlen wurden von Kontrolleuren verblompt. Eine weitere Einschränkung für die Landwirte. Aber man fand immer wieder Wege, um diese Gesetze zu umgehen. Wir hatten einen jungen landwirtschaftlichen Helfer aus Polen, Marion, der meine Mutter sehr unterstützt hat, (mein Vater war schon Soldat). Marion sagte eines Abends zu meinerMutter: ich werde die Plombe vorsichtig ablösen und wir werden so viel Mehl malen, wie du brauchst. Danach hat er die Plombe wieder so gut angebracht, dass es den Kontrolleuren nicht auffiel. Ich habe diese Information an befreundete Landwirte weitergegeben, man stand allerdings immer wie man sagt, mit einem Fuß im Gefängnis. Es ist heute unvorstellbar, was es damals für strenge Kriegsverordnungen gab, auch für Hausschlachtungen musste man Genehmigungen vom Bürgermeister haben. Dieses Gesetz wurde aber oft umgangen, auch wenn es schwere Strafen dafür gab. Ich hatte das Glück damals an viele geheime Informationen durch unseren Bürgermeister zu kommen, der zu mir als jungen Menschen eigentlich sehr viel Vertrauen hatte. Das wurde mir erst später klar, denn ein falsches Wort an diese Nazi-Typen hätte ihm sein Amt gekostet und schwere Strafe dazu. Die schwerste Aufgabe war aber für unseren Bürgermeister in den letzten Kriegsjahren, den Angehörigen der gefallenen Soldaten die Todesnachricht zu überbringen. Auch meine Familie war davon betroffen. Mein Bruder ist 1944 mit 20 Jahren gefallen. Einen Satz werde ich von unserem Bürgermeister nie vergessen. Bei einem Gespräch, wo ich mit seiner Tochter Lenchen Pläne über die Zukunft machte, sprach er sehr ernst dazwischen und sagte wörtlich: „Ihr werdet euch noch wundern, wenn der Russe kommt und ihr noch froh sein werdet, wenn ihr ihm den Kuhstall sauber machen könnt und ihm die Stiefel putzen müsst!“ Wir waren damals entsetzt über seine Vorhersage, aber es ist alles eingetroffen, wie Recht hatte er damit. Ihn selbst hat es in Karkeln auch schwer getroffen. Wie oft habe ich an seine Worte denken müssen, als ich nach Kriegsende 1945 in der SBZ beim Russen tagelang schwer arbeiten musste. Tagelang mussten wir Ziegelsteine für einen Bau mit bloßen Händen schleppen. Die russischen Soldaten lagen in der Sonne und haben über uns gelacht. Auch in ihren Küchen haben wir die schmutzigsten Arbeiten machen müssennur für ein wenig Brot. Das waren einige Erinnerungen an unseren ehemaligen Bürgermeister Herrn Mainus, dem ich sehr viel verdanke. Ich habe viel von ihm gelernt, er war ein sehr weiser Mann und guter Lehrmeister, den man nie vergessen kann.

Ursela Maertin
geb. Weiß
aus Karkeln

jetzt wohnhaft:
18106 Rostock, Willem Barents Str. 31/11.4 Tel.: 0381 1206677

2 Gedanken zu „Karkeln

  1. maarten muskens

    Eine traurige Geschichte. Was ist wohl vom Buergermeister geworden. Was der Hitler doch alles auf seinem Gewissen hat. Das schoene Land verloren gegangen.

  2. bajohr

    Meine Eltern kamen beide aus Karklen.
    Ich bin Jahrgang 1949.
    Z.Zt. befasse ich mich sehr mit dem “ voher komme ich “
    Aus den Erzählungen meiner Eltern und Großeltern ist mir der Name Mainus als Bürgermeister sehr geläufig.
    Auch meine Eltern erzählten nur gute Dinge über H. Mainus

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