Flucht aus Ostpreußen – – Glück im Unglück

Nur wer mutig und stark war, schaffte es zu überleben

Erlebnisse einer 18- jährigen Ostpreußin 1944/45

Flucht aus Ostpreußen – – Glück im Unglück.

Die schrecklichen, unmenschlichen Erlebnisse, die man als junger Mensch mit 18 Jahren, während und am Ende des Krieges hatte, kann man nie vergessen. Oft träumt man des Nachts und die grausamsten Bilder hat man dann ganz deutlich vor Augen. Bei mir tauchen dann immer wieder die Fragen auf ,,warum war meine Jugendzeit so schrecklich, was habe ich getan, daß diese schönste, sorgenfreie Zeit eines jungen Menschen so grauenvoll verlaufen mußte?

Ich selbst habe Hitler nie gewählt, meine Eltern und ich hatten während des Krieges durch Hitler keine Vorteile, eher Nachteile. Mein Vater mußte als Bauer Soldat werden, auch der Bruder mit 18 Jahren wurde eingezogen. Meine Mutter mußte mit uns den Bauernhof alleine weiter führen, was allen sehr schwer fiel.

Das traurigste Kapitel in unserem leben begann dann im August 1944, wir erhielten die Nachricht, daß mein Bruder mit 20 Jahren gefallen war. Für uns alle ein Schock, meine Mutter und Großmutter haben nur geweint, sie hatten es aber schon geahnt. Meine Großmutter sagte ganz still ein paar Worte, die ich heute noch höre „er hat es geschafft, wie wird unser Ende sein“.

Es blieb aber keine Zeit zum trauern, es begann die Fluchtvorbereitung im Dorf. Mit 2 Fluchtwagen, wo nur das nötigste mitgenommen werden konnte, waren wir Anfang Oktober einige Tage unterwegs. Meine Mutter hat schrecklich geweint, weil sie ihre geliebten Tiere alleine zurücklassen musste. Die Großmutter mit 78 Jahren stieg nur mit Widerwillen auf den Wagen und hat kaum noch ein Wort gesagt. Die ungewisse Zukunft war so unerträglich, auch für uns junge Menschen.

Die Flucht endete nach einigen Tagen im Samland auf ein Gut in der Nähe von Pobethen. Dort herrschten auch schon kriegsbedingte Zustände, es war alles voller Soldaten, die Gutsfrau selbst hatte ihr Gut ebenfalls verlassen, weil die Front immer näher rückte. Im Dezember erkrankte meine Großmutter an einer schweren Lungenentzündung. Es gab nirgendwo einen Arzt, auch keine Medikamente, die ihr das Sterben erträglicher machen konnten. Wir mussten zusehen, wie sie jämmerlich erstickte, ein grausamer Tod, den man nicht beschreiben kann.

Der Krieg kam immer näher, der Russe stand kurz vor Königsberg, so daß es auf dem Landweg für uns kein Entrinnen gab, nur einen Ausweg und das war Pillau über die Ostsee. Erst im Januar nach dem Tod der Großmutter konnten wir das Gut verlassen. Ich schaffte es erstmal nach Pillau zu kommen, um einen Ausweg zu suchen. Dort herrschten in der Stadt schlimme Zustände , die Straßen waren voller Menschen, Frauen und Kinder liefen ziellos herum, auch verwundete Soldaten , die noch laufen konnten, einige kamen zu Fuß aus den Lazaretten aus Königsberg und versuchten über See zu entkommen. Es dachte jeder nur an sich selbst um sein eignes Leben zu retten.

Ich hatte für meine Familie eine vorübergehende Unterkunft gefunden und versuchte meine Mutter, Schwester und meinen Bruder mit 6 Jahren nach Pillau zu holen. Sie wurden von unserem polnischen Arbeiter Marion, der uns während der ganzen Flucht schon begleitet hatte und meine Mutter nicht verlassen wollte, mit einem Pferdeschlitten nach Pillau gebracht. Der Winter war sehr kalt, oft über 1o Grad Minus. Marion ist dann mit dem restlichen Gepäck, wir behielten nur dass, was wir tragen konnten, in seine Heimat nach Polen gefahren. Ob er mit den Pferden nach Hause kam, wissen wir leider nicht.

Unsere Unterkunft war in der Nähe vom Hafen, so dass wir jeden Tag nach dort hinlaufen konnten, um festzustellen, ob ein Schiff anlegt. Wenn man die vielen Menschen dort sah, war uns klar wie gering unsere Chancen waren, auf ein Schiff zu kommen, alle saßen verzweifelt auf ihrem Gepäck. Dazu kam die lebensbedrohliche Lage aus der Luft, jeden Tag gab es Luftangriffe ohne Vorwarnung. Die Flugzeuge kamen im Tiefflug herunter und schossen einfach auf Frauen und Kinder, die am Hafen auf der Flucht waren. Die Flugzeugbesatzung, es waren vor allem Russen, konnte man in den Kabinen sitzen sehen, also haben auch sie gesehen, dass es sich nur um Frauen und Kinder handelte, die sie beschossen, das war den Piloten aber egal. Nachher lagen viele verwundete Frauen und Kinder am Boden und riefen nach Hilfe, aber es kam keine Hilfe, jeder versuchte sein eigenes Leben zu retten.

Ein ganz schreckliches Erlebnis hatte ich noch am Tag vor unserer Abfahrt. Wir hörten wieder Flugzeuggeräusche, einen Fliegeralarm gab es nicht mehr, auch keinen Luftschutzkeller, wir saßen zitternd im Haus. Uns gegenüber war ein großer Friedhof. Plötzlich gab es einen furchtbaren Knall, die Wände zitterten und die Fensterscheiben gingen kaputt, da wussten wir gleich in der Nähe sind Bomben gefallen und explodiert. Dann hörten wir laute Schreie und sind aus dem Haus gelaufen. Es bot sich ein grausamer Anblick, auf dem Friedhof waren die Bomben explodiert, an den Bäumen hingen lauter weiße Fetzen, sicher von den dort bestatteten Leichen. Noch schlimmer war für uns der Anblick, der sich auf der Straße abspielte. Während des Fliegerangriffs liefen verwundete Soldaten auf der Straße herum, ein Kamerad von ihm war von einem Bombensplitter am Kopf getroffen und lag mitten auf der Straße in einer Blutlache und stöhnte. Die Soldaten baten uns um Hilfe, als wir näher kamen, sahen wir, dass die obere Kopfplatte völlig auf war, er lebte noch, brauchte dringend Hilfe, aber wir konnten in keiner Weise helfen, es gab bei uns kein Telefon und auch in der Nähe kein Krankenhaus. Wir sind ganz verzweifelt ins Haus gelaufen und haben Decken geholt. Seine Kameraden haben ihn darauf gelegt und mitgenommen. Wie schrecklich dieser junge Mensch wohl gelitten hat ohne medizinische Hilfe, man konnte ihm nur wünschen, dass er schnell gestorben ist.

Dann kamen die Flugzeuge wieder und wir flohen schnell ins Haus.

Dass wir nicht helfen konnten, war für uns eine so große seelische Belastung, heute unvorstellbar- Wie nötig hätten wir da eine psychiatrische Betreuung gebraucht.

Aber der Kampf ums Überleben ging für uns weiter.

Am nächsten Tag liefen wir wieder zum Hafen und hatten endlich Glück, 2 Schiffe kamen an. Ganz schnell holten wir die Mutter und den Bruder und versuchten mit unserem Handgepäck an ein Schiff heranzukommen. Ein schrecklicher Kampf spielte sich jetzt ab, alle versuchten nach vorne zu kommen. Der Kapitän konnte nur mit Gewalt die Menschen zurück halten, damit sie nicht ins Wasser fielen und das Schiff nicht überladen wurde. Meine Mutter schaffte es gerade noch mit meinem Bruder auf das Schiff zu kommen, dann hieß es plötzlich nur Frauen mit kleinen Kindern und wir wurden zur Seite gestoßen. Meine Schwester und ich waren nun getrennt von der Mutter. Die Schiffsbrücke wurde hochgezogen und wir standen alleine am Ufer, auf dem Schiff schrie und weinte die Mutter, sie wollte wieder runter. Denn wir hatten doch kein Ziel im restlichen Deutschland, wo wollten wir uns wieder sehen.

Als wir dann weinend am Ufer standen, hatten die Matrosen Mitleid mit uns, sie gaben uns ein Zeichen, wir sollten in Ruhe abwarten. Dann sollten wir zum Vorschiff kommen und sie versuchten uns mit unserem Gepäck auf einem provisorischen Landesteg auf das Schiff zu holen. Es klappte und wir waren wieder zusammen und glücklich, alle weinten vor Freude. Für uns waren die Matrosen wirkliche Helden, auch wenn sie Ärger mit dem Kapitän bekamen, sie haben alles getan, um den Menschen, die um ihr Leben bangten, zu helfen.

Über unseren weiteren Fluchtweg bis nach Mecklenburg werde ich im 2. Teil berichten.

Ich wünschte mir, dass ich mit diesen schrecklichen Lebenserfahrungen, über die ich hier berichtet habe, vielen jungen Menschen aufgezeigt habe – wenn sie das überhaupt lesen werden – wie schrecklich ein Krieg sein kann, auch wenn man unschuldig ist und nichts dagegen tun kann.

Für Rentner in meinem Alter, die das gleiche Schicksal hatten und nach dem Krieg unter schwierigsten Bedingungen gearbeitet und gelebt haben, ist es unbegreiflich wie man jetzt über die einfache Rentenerhöhung streitet. Denn sie haben unser kaputtes Land ohne fremde Hilfe wieder aufgebaut, damit die nachfolgenden Generationen stolz auf ihre Heimat sein können.

Wenn man die alten Frauen, die unter härtesten Bedingungen ihre Kinder groß gezogen haben und heute wirklich wenig Rente bekommen, sie jetzt noch als Ausbeuter der jungen Generation bezeichnet, ist ein Riesenskandal. Vor allem wenn diese Meinung noch von Politikern, die selbst eine unheimlich hohe Rente bzw. Pension bekommen, vertreten wird.

Für diese Menschen, vor allem junge Politiker, die so denken und reden, von der Presse noch unterstützt werden, wäre es vielleicht angenehmer gewesen, wenn alle Frauen, die damals auf der Flucht noch in Sicherheit kamen, nicht am Leben geblieben wären. Es gäbe dann in Deutschland weniger alte Menschen, die jetzt versorgt werden müssen, da sie ja noch zur Kriegsgeneration gehören und die Schuld an allem tragen.

Wann wird man endlich mit diesen Schuldzuweisungen aufhören und den älteren Menschen, so wie in anderen Ländern mehr Achtung und Anerkennung entgegenbringen.

Ursela Maertin geb. Weiß aus Karkeln jetzt wohnhaft 18106 Rostock

Willem Barents Str. 31 Tel. 0381 1206677

Das Copyright für veröffentlichte, vom Autor selbst erstellte Objekte bleibt allein beim Autor der Seiten.
Eine Vervielfältigung oder Verwendung solcher Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte in anderen elektronischen oder gedruckten Publikationen ist ohne ausdrückliche Zustimmung des Autors nicht gestattet.