Mein Großvater – vertrieben von Haus und Hof

grossvater-ostpreussen.gifMeine Großeltern wohnten bis 1944 in Karkeln, einem Dorf am Kurischen Haff. Mein Großvater war Bauer, er besaß dort Wiesen, Ackerland und viele Pferde, Kühe, Schafe und Geflügel.Er hat mir viel von seinen Tieren erzählt. Sein größtes Hobby war die Wildentenjagd. Er hatte sogar einen Jagdschein für ein Jahr, den man vom Fiskus für Geld erwerben konnte. Eimal im Jahr ging er auch zur Hasenjagd (siehe Bild). Zur Entenjagd benutzte er oft einen Kahn, um auf den Wasserwiesen an die Enten heranzukommen. Sein Jagdhund hat ihn dabei immer begleitet. Wenn die Enten abgeschossen ins Wasser fielen, sprang der Hund ins Wasser und holte die Enten heraus.

Viele Gäste, die nach Karkeln kamen, sind gern mit ihm auf die Jagd gegangen.

1942 traf auch ihn das schwere Los, er wurde Soldat. Meine Großmutter musste die volle Verantwortung für Haus und Hof übernehmen. Auch sein Sohn, gerade 18 Jahre, wurde eingezogen. Meine Großmutter bekam als Ersatz einen jungen polnischen Hilfsarbeiter und 2 Kriegsgefangene, denn die Arbeit musste weitergehen.

Großvater hat mir oft erzählt, wie schlimm es für ihn war, seinen Dienst als Soldat zu leisten. Alle seine alten Kameraden wären lieber zu Hause gewesen, keiner war für den Krieg, alle hassten Hitler und hätten ihn am liebsten am Galgen gesehen. Das ganze Regime bestand nur aus Zwangsverpflichtungen.

Während seines Urlaubs gab es eine furchtbare Aufregung, wenn ihm ein Hitlerbild in die Hände fiel. Er hat es dann zerrissen und sagte immer wieder: „Dieser Verbrecher wird uns noch alle ins Unglück stürzen und unser Sohn wird auch nicht mehr wiederkommen.”

Die ganze Familie hatte Angst um ihn, denn mit solch einer Einstellung kam man schnell ins KZ oder vor das Kriegsgericht.

Leider sollte er mit seiner Vorhersage Recht behalten.

Der Sohn, mein Onkel, fiel mit 2o Jahren an der Ostfront und 6 Wochen später, im Oktober 1944 mußte die Familie mit 2 Fluchtwagen das Dorf verlassen. Meine Mutter war damals 18 Jahre. Sie hat mir viel davon erzählt, wie furchtbar es besonders für meine Großmutter war. Sie musste alle Tiere, die sie so sehr liebte, plötzlich verlassen. Alle Kühe, Schweine, Schafe und Geflügel wurden aus dem Stall getrieben und ihrem Schicksal überlassen. Besonders schlimm war es für die Kühe, weil sie nicht mehr gemolken werden konnten. Großmutter wußte, was sie für Schmerzen ertragen würden. Einige Tiere sind sogar mit dem Wagen kurz mitgelaufen. Man kann es nicht beschreiben, wie viele Tränen dabei flossen. Dieser Abschied wird für alle Überlebenden unvergesslich bleiben.

Meine Großeltern und meine Mutter hatten das große Glück, das Kriegsende zu überleben. Großvater kam 1947 aus der russischen Kriegsgefangenschaft frei. Er war mit 47 Jahren ein gebrochener Mann. Mecklenburg sollte nun die 2. Heimat werden. In einem Zimmer mussten 5 Personen leben und sich irgendwie durchschlagen.

Großvater hat es nie begreifen können, dass die Menschen, die hier zu Hause waren, ihre Häuser und z.T. auch ihr Land behalten durften. Alle Flüchtlinge aus dem Osten haben jedoch nie wieder ihr Eigentum zurückerhalten, geschweige denn eine Entschädigung bekommen. Sie alleine hatten die Kriegsschuld zu tragen.

Das hat er bis zu seinem Tod nicht verkraften können. Über dieses Unrecht kam er nie hinweg. Er hat oft gesagt: „Die Menschen, die hier in Mecklenburg oder in Westdeutschland leben, tragen doch genau so wie wir die Schuld am Krieg und ich war nie für Hitler. Warum trifft uns nur alleine die Schuld?”

So war es leider in der sowjetischen Besatzungszone, es gab keine Entschädigung. Später hat er dann erfahren, dass Verwandte und Bekannte aus seinem Dorf, die im Westen lebten, entschädigt wurden. Viele konnten sich sogar Häuser bauen.

Sein schweres Schicksal endete 1963. Ein tragisches Unglück ereignete sich im Juli in Wustrow, wo er im Bodden ertrunken ist, die Ursache konnte nie aufgeklärt werden.

Viele Informationen für meinen Artikel habe ich von meiner Mutter

(die mit 80 Jahren noch in Rostock lebt) erhalten.

3 Gedanken zu „Mein Großvater – vertrieben von Haus und Hof

  1. HRO Evershagen

    Danke für diesen Artikel.
    Auch mein Vater( und Großeltern ) waren Vertriebene ( Karpartendeutscher ).Leider gibt es wenig in den Medien über die Flucht der Karpartendeutsche, obwohl es genauso war. Mein Oma hatte zum Zeitpunkt der Flucht 4 Kinder 6, 5, 3, 1 Jahre alt und im 6 Monat Schwanger.
    Tja hätte Sie es nicht geschaft könnte Ich diesen schönen Artikel nicht kommentieren.
    Und zu guter letzt hatte Sie im Jahre 1953 und 1956 noch einmal Zwillinge geboren.
    Soll mir also keiner sagen: KINDER IN DER HEUTIGEN ZEIT; NEIN.
    Was für eine Zeit war schwerer? Ich glaube die von meiner Großmutter.
    mfg

  2. karl

    die mutter von meinem freund ist aus dem sudetenland. ist da mal wieder hingefahren und ist in tränen ausgebrochen, als sie gesehen hat, wie das gehöft ausgesehen hat. total verfallen und vergammelt

  3. Petra

    Hallo,
    du der bericht ist sehr spannend.
    Gut geschrieben.
    Lieben Gruss Petra

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